Sonntag, 22. Juni 2014

Estnisches Rosenwunder.....

Meine Kollegin Margit, Gemeindepfarrerin in Rakvere und Haljala im Norden Estlands
bekam diese Rose an Karfreitag von ihren Konfirmanden geschenkt.
 Von Karfreitag bis Trinitatis, bis zum Dreieinigkeitsfest oder Dreifaltigkeitsfest, das ist eine lange
Zeit, genau: 8 Wochen und 2 Tage.
Aber die Rose blüht und ist immer noch schön. An Trinitatis.
In der Mauritiuskirche in Haljala. Im Norden Estlands.
Wir sind eher zufällig des Weges gekommen, auf unserer (Halbrund)reise durch Estland. Selbst- organisiert, allein zu zweit, mit Mietwagen und Wanderschuhen. Die Kirche stand im Reiseführer - eine Wehrkirche - und lag auf dem Weg vom Norden in den Osten.
So hielten wir an, schlenderten um die Kirche herum. Es war Sonntag. Trinitatis und von innen war die Orgel zu hören. So betrat ich die Kirche und setzte mich in die mittlere Bank.
Der Gottesdienst war gerade zu Ende. Das Orgelspiel war der Schlusschoral.
 Eine sehr, sehr kleine Gemeinde. Das kennen wir auch. Kinder. Wenige Erwachsene. Knapp zwanzig mögen es gewesen sein.
Aber ein "Kirchenkaffee" war vorbereitet und wir wurden sofort sehr herzlich und freundlich begrüßt und dazu gebeten.
Der Tisch war gedeckt. Die Rose, die 8 Wochen und 2 Tage auf dem Altar gestanden hatte,
schmückte nun den Kaffeetisch.
Speckkuchen und ein Zimt-Hefe-Zopf vom allerfeinsten..... Und eine große Freundlichkeit. Eine deutsche Kollegin aus Hessen war zu Gast; bei einer Begegnungstagung deutscher und estnischer Pfarrer. So waren wir zu dritt, 3 Pfarrerinnen, das habe ihre Kirche auch noch nicht gesehen, meinte Margit. Sie sprach ausgezeichnet Deutsch, und wir kamen schnell ins kollegiale Fachgespräch. Wie es bei uns so sei, und wie bei ihr. Ich berichtete aus dem Alltag einer deutschen Schulpfarrerin, fasste Beobachtungen aus über 25 Jahren Dienstzeit zusammen.
Margit übersetzte, die kleine Gemeinde hörte interessiert zu. Und wir dann andersherum.
Eine unerwartete, eine herzliche Begegnung. Eine Brücke. Eine Tür, ein Raum im gemeinsamen Haus. Oiku-mene: Das Haus der Welt.  Kennenlernen. Im Fremden das Gemeinsame entdecken.,
So soll es sein. Unter Christen.
Es hat gut getan, diese Begegnung am Sonntag Trinitatis. Der Sonntag, der zeigt, dass Verschiedenheit, Unterschiedlichkeit, Vielfältigkeit Einheit nicht zerstört, sondern stiften kann -
weil sie aus der Liebe des Einen Gottes entspringt, der sich selbst entfaltet hinein in Vielfalt.
Heute nun ist schon der 1. Sonntag nach Trinitatis.
Wir sind wieder wohlbehalten zu Hause angelangt. Wieder im Gottesdienst, beide mit einem kleinen Vertretungsdienst. Das Gotteshaus hell und baulich in gutem Zustand, ganz anders als die Mauritiuskirche in Haljala. Aber auch bei uns, mitten in Württemberg,  ist die Gottesdienstgemeinde klein; nur wenige einer nach Zahlen großen Gemeinde besuchen den Gottesdienst. Margits Gemeinde hat 60 zahlende Mitglieder; 15 etwa besuchen jeden Sonntag den Gottesdienst. Prozentual viel höher als bei uns, und das in einem Land, das als nicht-religiös gilt.
Das gibt zu denken.
Trotzdem - auch heute war es schön. Vertraut. Voller Musik und Gesang. Ein Nebensitzer, mit dem es sich gut singen ließ.
Mit dem Segen und dem Frieden als Thema.
Und mit dem Trinitatislied 139 aus dem Evangelischen Gesangbuch.
Daraus zwei Verse:
Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Licht, mein Leben.
Mein Schöpfer, der mir hat mein Leib und Seel gegeben,
mein Vater, der mich schützt von Mutterleibe an,
der alle Augenblick viel Guts an mir getan.

Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Trost, mein Leben,
des Vaters werter Geist, den mir der Sohn gegeben,
der mir mein Herz erquickt, der mir gibt neue Kraft,
der mir in aller Not Rat , Trost und Hilfe schafft.
(Johann Olearius, 1665)
Zur Melodie erzähle ich eine andere Geschichte. Auch aus Estland. Irgendwann.
.... Und die Rosen in meinem Garten werden mich wohl immer wieder an diese Rose erinnern,
die blüht, von Karfreitag bis Trinitiatis und vielleicht auch noch heute.....

Euch Allen einen frohen Rest-Sonntag und eine gute Woche.

Kommentare:

Einklang-Katrin hat gesagt…

Was für eine schöne Begegnung!

Ich hatte heute Frühdienst, aber nächsten Sonntag ist auch wieder (Kinder-)Gottesdienst.
Dir auch noch einen schönen Sonntag.
LG

Brigitte hat gesagt…

Das war auch für Außenstehende sehr schön zu lesen, sehr harmonisch. Du hast auch recht, da kann man nachdenklich werden.

Mir fällt immer auf, wie zufrieden und bescheiden die Leute gerade in diesen Ländern sind. Da können wir viel lernen!

Wünsche dir eine schöne Woche, Brigitte

Rita Lepitré hat gesagt…

Ich komme gern auf diesen Blog. Ursprünglich wegen Deiner tollen Handarbeiten, die ich sehr bewundere.
Ich bin kein Christ. Von den Katholischen würde ich wohl als Heide bezeichnet werden. Nicht getauft und keiner Glaubensrichtung angehörend, ein tief verwurzelter Atheist. Deshalb hat mich Deine Formulierung gestört und ich halte sie für ein Grundübel..."So soll es sein. Unter Christen." Warum die Einschränkung?
So soll es sein, aber doch unter Menschen...allen Menschen. Die Welt könnte besser sein, wenn wir uns nicht so auseinander dividieren würden. Wenn wir endlich begreifen würden, dass nicht Gott oder Allah oder wer auch immer die Verantwortung trägt, für das was täglich geschieht, sondern allein wir Menschen. Jeder hat an jedem Tag die Möglichkeit sich zu entscheiden, wie er auf andere Menschen zugeht, ob er ihnen schadet oder nutzt. Dazu, muß ich kein Christ sein.

Ingrid hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Ingrid hat gesagt…

@Rita
Liebe Rita,
ganz herzlichen Dank für diesen Kommentar und für die kritische Rückmeldung zum "So soll es sein. Unter Christen". Lass mich darauf antworten: Du hast recht. Diese Formulierung kann anders empfunden werden, als sie von mir gemeint ist und immer noch ist. Selbstverständlich soll es so sein, unter allen Menschen, ausnahmslos und ohne Einschränkung. Hinsehen, wahrnehmen, entdecken. Das heißt nicht, dass alles toleriert werden muss oder gutgeheißen. Das wäre indifferente Gleichgültigkeit. Aber Ziel jeder Begegnung muss es sein, eine Basis zu finden, Gemeinsames, eine Brücke. Wer sich so verhält, hat meine Achtung und meinen Respekt, egal ob er irgendeiner Religion angehört oder keiner. Ich halte Christen nicht für die besseren oder wenigstens ethisch verantwortlicheren Menschen. Ich hoffe, das kannst du meinen Beiträgen entnehmen. Ich persönlich begegne Inhalten und Menschen anderer Religionen und auch Menschen ohne Religion zunächst immer offen und zugewandt und kann so tatsächlich Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede entdecken. Davon ausgehend ist für mich das Christentum meine Religion und Teil meiner Identität.
Mein Beitrag hier hat aber eine andere Absicht. Ich wollte ganz bewusst eine ungeplante Begegnung schildern, eben unter Christen, die ihr Christsein unter unterschiedlichen Bedingungen leben.
Ich habe das versucht, in den Kontext der Begegnungszeit einzubetten. Das war der Sonntag Trinitatis, den ich als Theologin so zu verstehen habe, dass er gerade von Vielfalt und Entfaltung und nicht von Eingrenzung und damit natürlich auch von Ausgrenzung spricht. Auch unter Christen gibt es eine große Vielfalt, oft ein Beharren auf Unterschieden, die trennend wirken und Gemeinschaft zerstören und beschädigen. Auch damit habe ich immer wieder zu tun. Dem steht der Satz gerade entgegen, den du zitierst. Ich sehe in dem, was am Sonntag Trinitatis thematisiert ist, den Auftrag an Christen, aus der Vielfalt, mit der Gott uns begegnet abzuleiten, dass auch wir Christen vielfältig glauben und Glauben leben dürfen, ohne uns gegenseitig etwa Christsein abzusprechen oder schlimmeres. Das ist eine innerchristliche Argumentation, die aber selbstverständlich eingebettet ist in das, was du - sehr schön beschreibend - als Erwartung an alle Menschen und als Selbstverständlichkeit beschreibst.
Wenn, in und außerhalb der Religionen, alle Menschen diesen guten Willen hätte, sähe die Welt im Großen und im Kleinen anders aus. Jeder hat da sein Teil beizutragen.
Eigentlich muss das gar nicht begründet werden, eben weil es sich aus dem Menschsein und der Verantwortung für die Welt selbst begründet. Mit und ohne Religion und dem Glauben oder der Annahme eines Gottes.
Nur - leider müssen wir uns immer wieder daran erinnern. Hilfreich kann dann aber eine je spezielle Begründung sein, verankert in dem Werte-oder Glaubenssystem, das zur eigenen Identität gehört.
Da ist für mich das, was am Sonntag "Trinitatis" für die Christen "dran" ist, hilfreich, ebenso die schöne Begegnung, die ich hatte.

Ich danke dir nun für deinen zur Präzisierung auffordernden Einwand, der gut und wichtig ist. Er berührt Kernfragen.
Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt und grüße
herzlich
Ingrid

9. Juli 2014 13:55
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