Sonntag, 9. November 2014

Vor 25 Jahren....

.... war ich 27!
Und lebte und arbeitete mitten im Schwabenland
Ich war Mutter eines 10 Monate alten Kindes; Pfarrerin und Lehrerin an einem Tübinger Gymnasium.
Ich hatte keine DDR-Verwandtschaft. Deshalb war ich das erstemal "drüben" auf der üblichen Berlinstudienfahrt in der 12. Klasse; 2mal in Ostberlin, über den Bahnhof Friedrichstraße mit den Warnungen der Lehrer im Ohr, die im Jahr zuvor dort große Probleme wegen eines "frechen" Schülers hatten. In einer Ausstellung wurden uns all die "Bruderstaaten der DDR" auf einer Karte gezeigt und Klassenkamerad Erhart meinte: "Da fehlt Afghanistan". Die Lehrer wurden ganz weiß im Gesicht, passiert ist nix.
Flötennoten habe ich mir vom Ostgeld gekauft, und meiner Freundin noch welche mitgebracht, die mir einen Auftrag gegeben hatte und einen Tipp, wo ich da eine schöne Auswahl hätte.
Weil mein Ostgeld etwas knapp war, fragte ich die Verkäuferin, ob ich auch mit Westmark bezahlen könne. Ja, sagte sie, aber bitte nicht so auffällig.
Ich hoffe, sie hat das Geld ebensowenig auffällig gegen ihre eigenen Münzen austauschen können und sich von den Westmark was Nettes gekauft.

DDR-Verwandtschaft, die lernte ich dann im Elternhaus meines Mannes kennen bzw. an unserer Hochzeit. Die Frau des Onkels durfte nicht mitkommen; nur er allein. Ansonsten Tanten, die alle schon im Ruhestandsalter waren.
Herbst 1987 fuhren wir rüber, nach Finsterwalde zuerst, nach Bautzen und Dresden. Überall große Herzlichkeit und Gastfreundschaft. In Finsterwalde habe ich mir zwei Flöten gekauft, eine Sopranino und eine Altflöte (ach, spielen sollte ich auch mal wieder).
Irgendwann, in Bautzen, glaube ich, war es,  sagte mein Mann zu mir: Du bist so still, was ist denn los?
Er kannte ja die DDR von Kindesbeinen an, jedes Jahr waren sie rübergefahren, ganz treu, meist an Ostern. Aber ich?
Ich war überwältigt vom Ruß der Braunkohlewerke, von all dem Fremden, von alter Schönheit und Verfall, von Herzlichkeit bei den Verwandten und Freunden und durchaus auch wahrgenommener Distanz in Lokalen und Läden. Von der Behörde, auf der wir uns anmelden mussten, weil wir Verwandte besuchten. Das hat mich still gemacht, ich musste Eindrücke sammeln und verarbeiten.
In Dresden sind wir Trabi gefahren, über Land bis zur Bastei, im Nebel, ganz mystisch. Ich saß hinten, irgendwie quer, der langen Beine des chauffierenden Onkels wegen.
Die Semperoper haben wir von "hinten" besichtigt. Wir waren hinter dem Zuschauerraum, in der Technik; sahen das  komplette Opernhaus  - und zwar in einer Privatführung. Nur wir 4 und der Bekannte des Onkels, der dort arbeitete und uns alles zeigte.  Das war schon was. Etwas ganz besonderes.
Die Gemäldegalerie, das Grüne Gewölbe, die Elbterrassen; die Tante und ich haben Kultur genossen, die Herren gingen lieber ins Verkehrsmuseum. Wir sahen die Hofkirche, die gerade wieder aufgebaut wurde - und die Frauenkirche. Als mahnende Ruine. Ein großer Haufen Steine.
Alles festgefügt. Scheinbar für immer. Nicht für ewig. Jahre später, nach der Konfirmation der Tochter, sah ich die Frauenkirche wieder. Weitgehend aufgebaut in neuem Glanz. Unvergesslich bleibt mir die Fernsehübertragung der Einweihung der Frauenkirche: Ludwig Güttler, der auf seiner Silbertromptete spielte: "Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Reich mich ein."
In der Semperoper saßen wir im Zuschauerraum, ganz oben auf der Zwetschgendarre und hörten die Zauberflöte.
Völlig normal.Nur 15 Jahre später, denn die Tochter war nun 14 und dies war unser Geschenk zur Konfirmation: Eine Reise nach Dresden mit der Zauberflöte; Schloss Moritzburg, das Aschenputtelschloss.... und Leipzig mit dem Gasometer und dem Everestpanorama.

Im Herbst 1989, irgendwann Ende Oktober, bekamen wir einen Brief des Onkels mit beigelegtem Zeitungsausschnitt, in dem über eine Demo in Dresden berichtet wurde. Da wusste wir, lange geht das nicht mehr.
Trotzdem, am 9. November kam alles überraschend - ich erinnere mich noch an die Livesendung im Fernsehen, wie die Menschen an der Mauer lachten und tanzten, und irgendwann erschien dann Walter Momper, strahlte über das ganze Gesicht und die Glatze....
In den Monaten darauf war bei uns im Haus dann irgendwie immer Besuch, unten beim Schwiegervater, der wohl alles in allem ein halbes Jahr im Wohnzimmer schlief, weil der Besuch in seinem Schlafzimmer untergebracht war; oben bei uns. Wir waren Anlaufstelle für viele; er hatte ja immer gesagt: Wenn ihr mal kommen dürft.... und wohl selber nie damit gerechnet, dass da auch mal junge Leute kommen dürften, Kinder, Jugendliche, Familien und nicht nur die Rentner. Oder nur mit Sondererlaubnis zu einer Beerdigung. Das war das Traurigste; dass erst dann Leute kommen durften, die sonst nicht durften; weil sie produktiv waren und obwohl sie nie die Absicht hatten nicht zurückzukehren; um Toten die Ehre zu erweisen, denen im Leben zu begegnen nur mit viel Aufwand möglich war.

Trotz aller Probleme, die wir hatten in diesen 25 Jahren, im Zusammenwachsen und im Zusammenleben.
Heute ist ein Freudentag, ein Tag der Dankbarkeit.
Ich meine, es sind 2 Dinge, für die ich vor allem dankbar bin.
Zum einen - kein Mensch ist durch Gewalt gestorben in diesen Wochen des Umsturzes und der Umwandlung. Eine unblutige Revolution, singulär wohl in der Geschichte der Menschheit.
Angesichts der vielen Toten an der Mauer und an den Grenzstreifen und wohl auch in den Gefängnissen, kann das gar nicht hoch genug geschätzt werden.
Zum anderen - für die Nachgeborenen ist es heute selbstverständlich, dass Deutschland Deutschland ist, dass Leipzig, Stuttgart, München, Dresden alle irgendwo in Deutschland liegen.
Wenn 8klässler nicht wissen, welches die NEUEN Bundesländer sind, ist dies zwar ein Zeichen, dass sie nicht aufgepasst und nix gelernt haben, zugleich aber auch ein Zeichen für die Normalität, in der sie leben. Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern; klar, beides liegt in Deutschland.
Das ist gut so.
Gott, mit dessen Hilfe Menschen Mauern überspringen und auch abreißen können,
sei LOB und DANK.
PS 2015: Und das damals 10 Monate alte Kind lebt und studiert heute - 
in Weimar/Thüringen, Deutschland. 

Kommentare:

Margrit hat gesagt…

Ein schöner Post!!!
Wir fuhren damals ganz spontan am 11.11. gaaaanz früh morgens von Hamburg nach Berlin und abends wieder zurück, nachdem wir im Fernsehen die Ereignisse gesehen hatten. Ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ich wäre auch gerne an diesem Wochenende in Berlin dabeigewesen, aber das geht leider aus gesundheitlichen Gründen nicht. Schade.

Viele Grüße
Margrit

Conni's Maschenmix hat gesagt…

Als Herr Schabowski die Erklärung verlesen hatte und eine Laufschrift den ganzen Abend über den Fernseher lief - konnte man das gar nicht realisieren, was da abging. An dieser Stelle noch mal Danke an meine Eltern, die uns immer ermutigt haben, eine eigene Meinung zu bilden und auch zu vertreten. Da ich auch nicht ganz so "linientreu" war, durfte ich kein Abitur usw. machen, meine Stasiakte war auch sehr interessant, aber trotzdem: Ich würde auch heute alles noch einmal so machen. Welch ein Glück mein Sohn hat... er kann machen was er will und wo er will. Wir (mein Mann und ich ich) waren übrigens im Dezember 1989 das erste Mal "drüben", in Hameln und Stuttgart, wo wir Verwandte besucht haben.
Liebe Grüße, Conni

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